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Flugblätter und Broschüren

Früchtchen des Zorns

Jürgen Möllemann hat getan, was Wellness-Berater immer empfehlen: einfach mal fallen lassen. Nach seiner Bauchlandung fragen sich Antisemiten aller Couleur, wer nun die entstandene Lücke füllen soll. Aus Marburg kommen einige Bewerbungen. Da gibt es Franz Becker, den Metzger von Weidenhausen, der sagt, "die Juden" hätten "von Hitler viel gelernt" und würden nun einen Holocaust an den Palästinensern verüben. Da ist der Professor Reinhard Kühnl (seine Freunde nennen ihn "Intifada-Kühnl"), der am 8. November 2002 in seiner Rede gegen das "Problem Israel" zu dem Ergebnis kam, die Bomben-Anschläge auf Busse und Pizzerien seien "marginal" und außerdem legitim ("Die jungen Palästinenser sagen: ,Wir haben ja nur unsere Körper'", romantisierte und rechtfertigte Kühnl die an Juden verübten Massaker; ein Gedicht von Erich Fried vorzulesen, in dem Juden in die Nähe der Nazis gerückt werden - "Nun seid ihr geworden wie sie"-, ist sowieso bei allen anti-israelischen Veranstaltungen obligatorisch.)

Und da gibt es den Teilnehmer des Seminars "Israel - Staat und Gesellschaft", der sich nach Kühnls Rede ermuntert fühlte zu sagen, die Juden seien "Kindermörder" und "die Judenfrage" dürfe "nicht zu Lasten der Araber gelöst" werden. Wie er sich die "Lösung der Judenfrage" denn vorstelle, das braucht man da nicht mehr zu fragen.

So geht es zu in Marburg. Doch nun passiert etwas. Dies irae am Institut für Politikwissenschaft:

"In einer öffentlich verbreiteten Broschüre einer Gruppe wurden Lehrpersonen des Instituts mit absurden Vorwürfen des Antisemitismus überzogen, persönlich verhöhnt und mit Psychoterror bedroht. Das Direktorium des Instituts für Politikwissenschaft weist dieses infame Vorgehen in voller Solidarität mit den Betroffenen zurück und wird diese Verleumdung mit allen geeigneten Mitteln bekämpfen.
Beschluss des Direktoriums 4.6.03, gez. Theo Schiller."

Judex ergo cum sedebit, quidquid latet apparebit, nil inultum remanebit.

Eine große Koalition hat sich zusammengefunden, um gegen die Unruhestifter, "die gegen Linke hetzen" und "alle erfolgreicheren linken Projekte des letzten Jahres" runtermachen, vorzugehen.

Außer den aufgebrachten Direktoren gehören dazu: Zapatisten vom Indymedia-Stammtisch, der Professor Georg Fülberth, der Hausbesitzerverein Wannkopfstraße und Studenten, die es nicht fassen wollen, daß die Fachschaft Roter Faden (Theologie) einen vom Kosmopolitbüro organisierten Vortrag zum Thema Suicide Bombing - Formen des Antisemitismus unterstützt hat - mithin "eine Nazi-Veranstaltung in der alten Uni, gefördert von der Fachschaft Theologie" (Internet-Gästebuch Roter Faden). Zwei Dinge über uns sind allen unseren Gegnern klar: daß wir "Antideutsche" seien und "Nazis", also eben antideutsche Nazis, von denen es ja in Deutschland sehr viele gibt.

Maria Sporrer wirft dem Kosmopolitbüro Antisemitismus vor, weil in der Broschüre Intifada an der Uni steht, der von Kühnl in der Veranstaltung am 8.11. geradezu als Bauchrednerpuppe benutzte Walter Grab (dessen jüdische Herkunft Kühnl besonders betonte) sei Kühnls "Vorzeige-Jude". Ein Teilnehmer einer unserer Veranstaltungen machte uns darauf aufmerksam, daß wir hier tatsächlich ein falsches Wort gebraucht haben: Alibi-Jude sei der richtige Begriff. Was das heißt? Das heißt, daß es auf der Welt wohl keinen Antisemiten gibt, der nicht "einige Juden" zu seinen "besten Freunden" zählt oder, wenn es gegen Israel geht, die Namen von Juden nennen kann (es sind immer dieselben), die "genauso denken". Jörg Haider hat einen "jüdischen Freund", Dr. Freys "National-Zeitung" interviewt vorzugsweise Juden.

Georg Fülberth, der uns vorwirft, alle, die ein "wurstiges Verhältnis" "zu ihrem deutschen Paß" haben, für Nazis zu halten, kann nicht umhin, an einer Stelle zu sagen: "Das machten 1932/33 die Nazis."

Die Tendenz ist immer dieselbe, doch Form und Sprache weisen auf ihre jeweiligen Urheber: "Indymedia"-Leser sind spontan empört, ihre Wut kommt aus dem Bauch (oder jedenfalls ungefähr aus dieser Körpergegend), während Georg Fülberth ironisch schreibt, wenn auch freilich nur auf eine südhessische Art und Weise ironisch.

Auf der Internet-Seite "Indymedia" (von einigen perfiden Leuten auch "Indyfada" genannt) ist "Ramona Random" beheimatet. Sie schreibt sehr fleißig Texte, in denen sie sich Gedanken "über die Antideutsche Bewegung" macht, unter besonderer Berücksichtigung des Kosmopolitbüros. Im Unterschied zu Georg Fülberth, der Historiker ist (und deshalb verpflichtet ist, seine Untersuchung mit dem Jahr 1989 zu beginnen), sieht sie alles eher ethnologisch, beschäftigt sich mit indigenen Kulturen (auch denen außerhalb Marburgs) und läßt in ihre Texte Namen lustiger Völker einfließen ("Yanomami").

Ihre Schrift könnte der Koalition unserer Streitpartner als gemeinsames Manifest dienen (Le Manifeste des Enragés gab es schon einmal, 1793, ansonsten wäre dies ein guter Name für ihr Programm). Sie enthält alle, nun ja: Argumente und ist in einer zeitgemäßen, experimentellen Sprache gehalten.

Das Werk (Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original) hebt an mit einem Kassandraruf: "Die Antideutsche Bewegung wird unterschätzt, sowohl in ihren intelektuellen Fähigkeiten als auch in ihrer Gefährlichkeit." Dann wird das Ziel des Unterfangens genannt: "Einige Denkfehler und merkwürdige Auffälligkeiten habe ich hier zusammengestellt." Nachdem sie alle ihre Denkfehler und Auffälligkeiten zusammengestellt hat, ist sie traurig über den Antisemitismus: "Das Thema Antisemitismus ist ein trauriges." Aber ihre Trauer muß sie sich gut einteilen, denn auch das Thema Ökologie ist ein trauriges: "Gleiches könnte man aber für fast alle Themen schreiben, Ökologie steht wieder außerhalb linker Debatten, angeblich soziale Kämpfe sind vorrangig." Das ökologische Problem sind die Antideutschen: "Antideutsche könne außer ihrer zeitung Bahamas keine kreativen Aktionen vorweisen, einerseits wird jegliches ökologisches konzept abgelehnt, weil ja hitler Umweltschützer gewesen sein soll oder so." Hitler Umweltschützer? Der hat doch die ganzen Autobahnen gebaut!

Hinter den Antideutschen stecken übrigens - ja wer eigentlich? Die Freimaurer? Die Rosenkreuzer? Gar die Juden? Nein, hinter allem stecken "die Kreationisten, die an die Schöpfungsgeschichte der Bibel glauben. Diese betreibt eine Systematische Zensur von Schulbüchern [...] Auch die MArionette Bush hat den Kreationisten umfassende MAßnahmen zugesagt." MArionette? MAßnahmen? Zensur? Das klingt ja alles ziemlich undemokratisch, was die Amis da machen! Wir werden ein Auge drauf haben.

Zu ihrer Person macht Frau Random übrigens die Angabe, "seit drei Jahren" "nicht mehr zu kiffen". Da spart sie Geld, zumal ihr Bewußtsein auch ohne Drogen ständig in Wolken gehüllt ist: "Beim Traum von einer Weltkultur etc, den ja auch MArx hegte war schon immer klar, welche Kultur die andern Völker annehmen sollten. nämlich die aus dem Osten, bzw. Westen." Oder Norden, bzw. Süden?

"Selbstverständlich würden Antideutsche, Marxisten, Stalinisten etc. NICHT die umweltverträgliche oft politisch unkorrekte und hierarchische sehr viel öfter aber politisch korrekte und unhierarchische Kultur der Indigenistas annehmen." Nein, lieber nicht. Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach: "Das macht aber auch sehr schnell die Großstadtmentalität der Antideutschen deutlich. Entstanden ist das Ganze ja in Berlin, dem Mekka aller Schickimickilinken, alles auf dem LAnde, wie Marburg ist hessischer Urwald oder böhmische Dörfer, ihre Aktivisten eben daraus folgend böhmische Gefreite.Diese Metrofixierung wird an einem weitern Element antideutscher Argumentation deutlich. Paralell mit einer bedingungslosen US-solidarität wird nämlich Stalin schöngeredet wie noch was." Stalin, ein metrofixierter Schickimickilinker? Frau Random, wir müssen Sie leider nun verlassen. Ihren ganzen Text hat die Marburger Vereinigung der Opfer des Stalinismusvorwurfs freundlicherweise als PDF-Datei ins Internet gesetzt und als Flugblatt verteilt (ein entsprechender Link findet sich auf der Seite des Kosmopolitbüros).

Eine Gegendarstellung: Über das Haus Wannkopfstraße 13 hatten wir geschrieben, es sei ein "Ort, an dem es keine Heizung und keinen Strom gibt, an dem aber dafür jeder so frei von der Leber weg schwadronieren kann wie er will, so frei, daß sich Antisemiten und andere Menschenfeinde so richtig austoben können. Dort wird keiner rausgeschmissen, wenn er von einer Weltverschwörung der Illuminaten und Rothschilds phantasiert oder Legebatterien Hühner-KZs nennt." Das war eine böse Unterstellung, die die Hausbesitzer entschieden zurückweisen: Es gibt "im Marburger besetzten Haus Solarstrom und Öfen, zudem ist es der gelobte Kapitalismus, der den Anschluß ans Stromnetz verweigert." Da sieht die Sache schon ganz anders aus. Ein Wort zum "gelobten Kapitalismus": Leute, die von Autarkie (Selbstgenügsamkeit) schwärmten, gab es immer schon. Früher wanderten sie aus und kauften sich in Amerika eine Farm. Heute wohnen sie in der Wannkopfstraße, kaufen ihr Gemüse im "Bio-Einkaufskollektiv" und zeigen so, daß man es sich im Kapitalismus gemütlich machen kann. Sie loben ihn, statt durch Worte durch Taten, und ihren Unsinn als linkes "Projekt".

Georg Fülberth sattelt zur Reise ins alte romantische Land: "Als 1989 der Kalte Krieg zu Ende ging...", beginnt ein auf schönem großen, blauen Papier gedruckter und an die Wände des Ganges G vielfach geklebter Text ("Bahamas in Marburg"). Vom Ende des Kalten Krieges ist es nur ein kleiner Hüpfer zu seinem Reiseziel: "...traten die ,Anti-Deutschen' auf. Sie halten alle, die zu ihrem deutschen Paß weder ein begeistertes noch ein feindseliges, sondern ein wurstiges Verhältnis haben, für Nazis." Die ein begeistertes Verhältnis zum deutschen Paß haben, sind in antideutschen Augen keine Nazis. Alles sehr mysteriös. Wie das mit dem "wurstigen Verhältnis" zur deutschen Geschichte der letzten 130 Jahre ist, das hätte man gern erklärt. Handelt es sich vielleicht um eine Anspielung auf den Weidenhäuser Metzger (s.o.), mit dem sich Marburger Leserbriefschreiber derzeit so innig solidarisieren? Der ist bestimmt ein Nazi, und ein wurstiges Verhältnis zu allem und jedem hat er schon von Berufs wegen.

In Georg Fülberths Text lernen "wir" (der Autor möchte möglichst viele emotional miteinbeziehen gegen die anderen) das Diminutivum als die hohe Kunst der Polemik kennen: Einmal ist von "Leutchen" die Rede, ein anderes mal von einem "Früchtchen". Das ist wirklich mit spitzer Feder geschrieben! Man hört, wie er "Hi, hi!" gesagt haben muß, als die Früchtchen des Zorns in seinem Kopf reiften.

Der Antideutschen "Zentralorgan heißt ,Bahamas'", glaubt er, "und erscheint in Berlin. Im April 2003 beglückwünschte seine Redaktion die Regierungen der USA und Großbritanniens zu ihrem Sieg über den Irak." Ein Zentralorgan zu besitzen, das "Bahamas" heißt, war zumindest einem Teil des Kosmopolitbüros noch gar nicht bekannt. Er wird nun versuchen, Erkundigungen darüber einzuholen. Bekannt ist hingegen, daß das Zentralorgan derer, die (wie Georg Fülberth) ein wurstiges Verhältnis haben, "junge Welt" heißt. Es forderte im März 2003: "Saddam muß bleiben".

"In Marburg ist der ,Bahamas'-Fanclub nur klein, vielleicht fünf Personen", sagt Fülberth. "Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen", nicht wahr? Georg Fülberths Partei sind zwar die proletarischen Massen abhanden gekommen, dennoch schwört er auf den großen Haufen.

Als Ende 2001 einige Marburger Sozialdemokraten die Operation "Intelligenter Frieden" starteten, deren Ziel darin besteht, Ideologien zu entwickeln, mit deren Hilfe Deutschland und die EU selbstbewußt und moralisch aufgerüstet in die nächsten Schlachten ziehen können, "warf ihnen ein Flugblatt Antisemitismus vor", glaubt sich Fülberth dunkel zu erinnern. "Dies wurde mit der Teilnahme von zwei Bundestagsabgeordneten begründet, die irgendwie mißfielen. Trotz genauen Studiums des Flugblatts war nicht herauszufinden, was sie denn verbrochen haben sollten."

Was mag wohl ein "genaues Studium" im Fülberthschen Sinne sein? Lesen gehört nicht dazu. Da es nicht möglich ist, alle Arschlöcher aufzuzählen, die während der bald nun schon zwei Jahre andauernden Operation "Intelligenter Frieden" nach Marburg kamen, hier zwei zum Exempel: Wolfgang Gehrcke und Ekkehart Krippendorff.

Am 13. April 2002 marschierten ungefähr zehntausend Islamisten und ihr linksdeutscher Anhang durch die Hauptstadt und brüllten: "Wir wollen keine Judenschweine" und "Heil Hitler", verbrannten Israelfahnen und zeigten Hitlergrüße. Wolfgang Gehrcke solidarisierte sich mit den Demonstranten und hielt dort einen Redebeitrag. Schon am 8. Dezember 2000 hatte er im Bundestag erklärt, gerade weil Deutschland "mit Rassenwahn und millionenfachem Judenmord verbunden" sei, müsse es den überlebenden Juden zeigen, wo's lang geht, "die deutsche Politik" müsse die "Courage aufbauen", "Druck auszuüben". Als es im März 2002 besonders viele antisemitische Mordanschläge gab, forderte er Fischer auf, sich einmal den israelischen Botschafter vorzuknöpfen.

Das ist das Stichwort für Krippendorff. Sein Steckenpferd ist seit Jahrzehnten der alternative Imperialismus "von unten". Deutschland, so Krippendorff, hätte Kosten gespart, wenn es schon 1989 dem Serben den Stiefel auf die Kehle gesetzt hätte. Damals, als Deutschland wieder zu alter Form auflief, die antiserbische Propagandamaschinerie aber gerade erst warm, und Jugoslawien noch nicht von Genscher und Kinkel zerschlagen war, damals hätte man die Serben wohlfeil erdrosseln können: "Abbruch aller diplomatischen Beziehungen, Isolierung in der UNO, totaler Wirtschaftsboykott, Blockade sämtlicher Ölzufuhren" und so weiter. Rhetorisch fragt er: "Wäre es der geballten Intelligenz akademischer Wissenschaft", also der Krippendorffschen, "wirklich unmöglich, aufklärende, leicht verständliche, aber klare Analysen zu liefern, die den verführten und verblendeten Serbonationalisten die Augen öffnen?"

Dasselbe natürlich mit den Juden. Solange israelische Politik nicht Krippendorffs Maßstäben genüge, könne "niemand - auch nicht Henryk M. Broder - erwarten, daß sich die Friedensbewegungen in Europa und in Deutschland ohne Wenn und Aber für Israel einsetzen," sagt der Vorstandsvorsitzende der Friedensbewegungen in Europa und in Deutschland, Ekkehart Krippendorff ("Taz", 22.1.1991).

Kann er den Juden denn auch trauen, wo sie doch den Holocaust mitzuverantworten haben?:

"Man stelle sich vor, kein deutscher Jude wäre Befehlen gefolgt, sich zu Sammeltransporten bei den vorgesehenen Sammelplätzen einzufinden - einige dutzend, einige hundert, einige tausend, vielleicht auch einige zehntausend hätte die deutsche Polizei einzeln (passiver Widerstand!) aus ihren Wohnungen gezerrt und auf Lastwagen verladen; aber hunderttausende?...Oder man stelle sich vor, die Kolonnen Hunderte und Tausende auf dem Weg zu den Güterbahnhöfen hätten sich schlicht hingesetzt, 'Sitzstreik' nennen wir das heute..."

("Taz", 19.01.1991).

Daß es "die Kooperationsbereitschaft der deutschen Juden" gewesen sei, die "ihnen zum Verhängnis wurde", ist eine Lieblingsidee Krippendorffs. Sie gefällt ihm so gut, daß er sie 1999 in sein Buch Die Kunst, nicht regiert zu werden aufnahm und dort entfaltete: "Wer wird behaupten wollen, die nichtjüdische deutsche Bevölkerung hätte diese offenkundig brutalen und nur schikanösen Polizeieinsätze auf Dauer ohne Empörung und Zeichen von Solidarität hingenommen?" Sie war schließlich bekannt für ihr Eintreten gegen jeglichen Antisemitismus, manchmal konnte Goebbels nur noch "zähneknirschen" (S.168). Die "Pogrom- und Diskriminierungspolitik" (das klingt viel besser als Shoa) habe "vor allem deshalb Erfolg" gehabt, "weil die deutschen Juden kooperierten [...]" (S.167). Ihre Ermordung haben sie sich also selbst zuzuschreiben. Wären sie nicht tot, würde Krippendorff sie wohl wegen Kollaboration zur Rechenschaft ziehen. Wer diese Veranstaltungsreihe bislang nicht kannte, hat nun einen lebhaften Eindruck von ihr empfangen.

"Unorthodoxe Neuigkeiten über Wolfgang Abendroth", hat Georg Fülberth vernommen. Dafür, daß Abendroth sich Ende der 20er Jahre in Faschistenkreisen herumgetrieben habe, fehle der Beleg, denn es sei gelogen. Hier lügt wirklich jemand. Der Beleg ist für jeden da, der Augen hat, wäre er etwas kürzer, könnte man ihn hier zitieren. Die "Faschistenkreise" sind in diesem Fall der Kreis um Karl Otto Paetel, in dessen Zeitung "Die sozialistische Nation" Abendroth schrieb. Abendroth schrieb außerdem in weiteren faschistischen Zeitschriften: "Das junge Volk", "Zwiespruch" und "Die Kommenden. Großdeutsche Wochenschrift aus dem Geiste volksbewußter Jugend". Er hielt darüberhinaus Kontakt zu Hans Ebeling, dem Führer des "Jungnationalen Bundes" (nach Louis Dupeux, "Nationalbolschewismus" in Deutschland 1919-1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik, München 1985, S. 285f. und S. 357).

Abendroths Freund Ernst Niekisch (für dessen Anerkennung als Widerstandskämpfer Abendroth sich einsetzte, laut Georg Fülberth aus karitativen Gründen) war der Ansicht, Hitler sei nicht nationalistisch genug. Hitler wolle den "Aufstand des deutschen Blutes" bloß "an sich reißen", um ihn "auf ein totes Geleis zu bringen", argwöhnte Niekisch.

Daß das Zuchthaus-Urteil gegen Abendroth "in Ordnung" gewesen sei, steht in dem von Fülberth beanstandeten Text nicht, aber es erleichtert ihm wohl die Sache, wenn er es unterstellt. Der Text befaßt sich im übrigen nicht mit Abendroths Widerstand, sondern mit seinen politischen Verbindungen während der Weimarer Republik. Davon will Fülberth ablenken, indem er davon spricht, das Argument sei "nicht neu", der CDU-Politiker Wallmann habe einmal gesagt, "das Zuchthausurteil gegen Abendroth 1937 sei ganz in Ordnung gewesen, weil der Angeklagte ja nicht für die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung, sondern für den Kommunismus gekämpft habe." Wo hat Fülberth bei uns dergleichen gelesen? Hat er vielleicht eine ganz andere Broschüre in der Hand gehabt?

Über Maria Sporrer sagt er: "In ihrer Heimat Österreich ist sie wegen ihrer antifaschistischen Arbeit bereits zweimal ausgezeichnet worden. Sie ist Mitverfasserin einer - durchaus sympathisierenden - Biographie Simon Wiesenthals. In der Broschüre des Kosmopolitbüros wird sie in einer Bildmontage als eine Art Gangsterbraut von Yassir Arafat dargestellt. Ihr Verbrechen: Sie bietet ein (im übrigen sehr gut besuchtes) Seminar über den Nahost-Konflikt an."

Wer beschimpft hier denn nun? Bei allem, was wir kritisiert haben: Nie würden wir einem Menschen etwas so Harsches an den Kopf werfen wie den Vorwurf, er habe eine "Heimat Österreich". Allerdings ist es eine amüsante Vorstellung, wir hätten angeprangert, ihre Seminare seien zu schlecht besucht. Daß eine Biographie Simon Wiesenthals "durchaus (?) sympathisierend" ausfällt, ist für Georg Fülberth offenbar keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das besonderer Erwähnung bedarf.

Über Kühnls Hetzrede gegen Israel sagte Maria Sporrer immerhin (wenn auch viel, viel später), sie sei "schockiert" gewesen über "die völlige Einseitigkeit" und hätte Kühnl "nicht eingeladen", wenn sie das "vorher gewußt" hätte. Georg Fülberth weiß das alles, tut aber naiv: Kühnl werde "vorgeworfen, einen Vortrag mit dem Thema ,Problem Israel' gehalten zu haben. Nun will er erklärt haben, was "daran schlimm" sei. Das wußte man spätestens nach Kühnls Hetzrede, man hätte es aber auch schon vorher wissen können:

"Der Ausdruck "Problem", dem Bereich der Wissenschaft entnommen, wird dazu benutzt, den Anschein eindringlicher und verantwortlicher Überlegung hervorzurufen. Wer auf ein Problem hinweist, behauptet implizit persönliche Distanz vom fraglichen Gegenstand, gibt Objektivität vor. Das ist eine ausgezeichnete Rationalisierung für Vorurteile, denn es wird der Eindruck erweckt, als sei die eigene Haltung nicht subjektiv motiviert, sondern das Ergebnis angestrengten Nachdenkens und gereifter Erfahrung. [...] Sobald die Existenz eines "jüdischen Problems" zugestanden wird, hat der Antisemitismus seinen ersten Sieg erschlichen; ermöglicht durch die äquivoke Natur des Ausdrucks, der sowohl einen Gegenstand neutraler Analyse als auch, wie der alltägliche Gebrauch des Wortes ,problematisch' für eine dubiose Sache andeutet, etwas Negatives bezeichnen kann. [...] Während der Anschein der Objektivität gewahrt bleibt, wird stillschweigend unterstellt, daß die Juden das Problem sind [...] Es ist nur ein Schritt von diesem Standpunkt zu der Ansicht, daß dieses Problem - seinen eigenen speziellen Erfordernissen, also der problematischen Natur der Juden gemäß - behandelt werden muß, und daß dies selbstverständlich die Grenzen demokratischen Verfahrens überschreiten wird. Überdies verlangt das ,Problem' nach einer Lösung, und sobald die Juden selbst als dieses Problem abgestempelt sind, werden sie zu Objekten, nicht nur für "Richter" mit höheren Einsichten, sondern für die Vollzieher einer Aktion."

Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter.

Die Bahamas hat Georg Fülberth vor Augen. Ein Blick auf die Karte zeigt, wo er sich gerade befindet: im Bermuda-Dreieck. Man hatte ihn gewarnt, lieber nicht loszusegeln, nicht auf diesem Kahn, nicht mit dieser Mannschaft. Schon nach wenigen Tagen wußte er nicht mehr, wo er sich befand, da die Navigatorin Ramona Random Westen und Osten nicht auseinanderhalten kann. Als dann die Besatzung, bestehend aus Kühnl, Krippendorff und Gehrcke, aufs Deck gerufen wurde, war plötzlich das ganze Schiff in einen rötlich-braunen Nebel gehüllt. Die Fracht (Bücher über das Problem Israel) rutscht im Laderaum beständig nach Steuerbord, so daß das Schiff heftige Schlagseite bekommen hat. Der Kapitän hatte zwar angeordnet, ein Gegengewicht zu schaffen, indem auf der anderen Seite - durchaus sympathisierende - Biographien Simon Wiesenthals geladen wurden, aber das half nichts. Über die Reling schwappt die Gischt, das Ruder ist gebrochen, das Schiff stampft und ächzt und schaukelt.

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