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Flugblätter und Broschüren

Der Ausdruck 'Problem'

Theodor W. Adorno: "Studien zum autoritären Charakter", S.125f.

Der Ausdruck "Problem", dem Bereich der Wissenschaft entnommen, wird dazu benutzt, den Anschein eindringlicher und verantwortlicher Überlegung hervorzurufen. Wer auf ein "Problem" hinweist, behauptet implizit persönliche Distanz vom fraglichen Gegenstand, gibt Objektivität vor. Das ist eine ausgezeichnete Rationalisierung für Vorurteile, denn es wird der Eindruck erweckt, als sei die eigene Haltung nicht subjektiv motiviert, sondern das Ergebnis angestrengten Nachdenkens und gereifter Erfahrung. [...] Sobald die Existenz eines "jüdischen Problems" zugestanden wird, hat der Antisemitismus seinen ersten Sieg erschlichen; ermöglicht durch die äquivoke Natur des Ausdrucks, der sowohl einen Gegenstand neutraler Analyse als auch, wie der alltägliche Gebrauch des Wortes "problematisch" für eine dubiose Sache andeutet, etwas Negatives bezeichnen kann. [...] Während der Anschein der Objektivität gewahrt bleibt, wird stillschweigend unterstellt, daß die Juden das Problem sind, und zwar ein Problem für die übrige Gesellschaft. Es ist nur ein Schritt von diesem Standpunkt zu der Ansicht, daß dieses Problem - seinen eignenen speziellen Erfordernissen, also der problematischen Natur der Juden gemäß - behandelt werden muß, und das dies selbstverständlich die Grenzen demokratischen Verfahrens überschreiten wird. Überdies verlangt das "Problem" nach einer Lösung, und sobald die Juden selbst als dieses Problem abgestempelt sind, werden sie zu Objekten, nicht nur für "Richter" mit höheren Einsichten, sondern auch für die Vollzieher einer Aktion.


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Letzte Änderung dieser Seite am 17.06.2003 um 22:13 Uhr, 5721 Seitenzugriffe seit 09.06.2003.
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